Freitag, 19. Februar 2010
Exoskelettierte Erektionen eines Elektroniklurchs
Bevor ich zum Eigentlichen komme eins vorweg: Mit Bloggern aus dem Umfeld der Berliner Binär-Bohème pflege ich keinerlei Erzfeindschaft, dazu habe ich schlechterdings zu wenig Berührungspunkte mit diesem Paralleluniversum. Michael Seemann alias mspro ist mir da und dort als Mitdiskutant (und zwar keiner von der blöden Sorte) über den Weg gelaufen. Jetzt schreibt er ein Blog für die FAZ, im weitesten Sinne geht es da ums digitale Dasein, und wie uns das verändert.

Ein spannendes Thema also. Allerdings frage ich mich spätestens nach diesem Beitrag hier, was der Autor uns damit sagen will. Zugegeben, das Naheliegendste wäre gewesen, ihm diese Frage ebendort zu stellen. Vor das Kommentieren haben die FAZ-Techniker aber eine hohe Registrierungshürde gesetzt, über die ich mich jetzt nicht drüberkämpfen möchte (vor allem, wenn ich sehe, dass in den FAZ-Blogs von Andrea Diener und Don Alphonso Benutzername, E-Mail und falls vorhanden auch URL ausreichen als Mindest-Formalität zur Senfspende). So wird das nichts mit der projektierten Diskursmaschine.

Aber lesen wir einfach mal rein:

(...)Mein erstes Augmented Reality-Erlebnis hatte ich Anfang 2008 mit Twitter. Ich hatte mich für den Abend mit einem Freund verabredet. Ich stand am Kottbusser Tor und das ist kein besonders netter Ort, um dort auf jemanden zu warten. Seit Twitter aber hat man ja eine Wartebeschäftigung: Klar, man twittert, dass man wartet. "Warte auf x. Treffpunkt Kottbusser Tor. Na danke!", war der Tweet glaube ich. Es dauerte keine zwei Sekunden und es trudelte eine Nachricht des Nutzers Horax ein: "Fahre an mspro [Anmerkung von, ja, mir: das bin ich] vorbei." Ein paar Sekunden später dann die Nachricht von Nutzer Sebaso: "Fahre an mspro und horax vorbei." (Alle Zitate aus dem Kopf, ähh, reproduziert.)

Wir drei waren uns ganz nah. Ich stand da draußen am Kottbusser Tor, Horax fuhr mit der U-Bahn in die eine, Sebaso in die andere Richtung. Wir waren einander in Rufweite, ohne uns zu sehen. Trotzdem war es nicht abstrakt, nicht nur drei Punkte auf einer Karte, nicht einfach die in Kilometern abgetragenen Entfernungsinformation. Es war ein Moment der Nähe, ohne dass wir uns sinnlich wahrnahmen - doch, irgendwie ja schon auch sinnlich. Meine Twittertimeline wuchs mir in diesem Moment zu einem Sinn. Man nennt Augmented Reality ja auch nicht umsonst den "Sechsten Sinn".

Ich kann nur darüber spekulieren, was diesen Moment so greifbar machte, was diese Präsenz spürbar machte. Vielleicht weil ich nicht nur erfuhr, dass die beiden an mir vorbei fuhren, sondern ich auch expliziten kommunikativen Zugriff auf sie hatte, per Twitter. Und zwar in Echtzeit. (...)


Davon abgesehen, dass mir das Wort "Zugriff" in diesem Zusammenhang nicht einleuchtet (ich kenn das mehr so aus dem, ähem, Polizeifunk), bin ich versucht zu fragen: Ja, und? Was macht nun diese brunzbanale Begebenheit zu einem derartigen digitalen Damaskus-Erlebnis, dass die Welt danach nicht mehr ist wie sie vorher auch war? Und worin besteht jetzt noch mal genau der "Zugriff" auf irgendwelche zufällig vorbeifahrenden Mit-Twitteure oder Twitteusen?

Seemann bleibt bei dieser Episode freilich nicht stehen, sondern extrapoliert munter weiter, quirlt ein paar Buzzwords wie "hive mind", "Echtzeit" und "mentales Modell" dazwischen, und kommt zu dem Schluss:

Wir werden im Internet alle Teil des mentalen Exoskelettes des anderen sein. Es ist die individualisierte Entindividualsierung! (Über die schwierige Frage der Identität werde ich mich ein andermal tiefer auslassen.) Im Laufe dieser Verwandlung werden wir die Kontrolle über beinahe alles verloren haben, was wir selbst zu seien glaubten und von dem wir dachten, dass es unser natürlicher Besitz sei. Wir werden dafür eine völlig andere, ungekannte Kontrolle über beinahe alles andere gewinnen, eine durch und durch transparente Welt und ein damit einhergehendes Weltverständnis, das weit über alles ragt, was wir heute glauben, überhaupt wissen zu können. Das ist das, was ich heute, aus meinen Erfahrungen heraus, mich traue hier öffentlich zu prognostizieren.

Öha. Dann wünsche ich den Beteiligten schon jetzt viel Spaß im Borg-Kollektiv mit ihrer neugewonnenen Kontrolle über beinahe alles andere. Ich bin wirklich nicht sicher, ob ich das für einen guten Tausch halten soll und ob diese totale Transparenz im Datenraum in eine Welt führt, in der ich leben möchte. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem FKK-Strand, wo alle nackig rumrennen und angestrengt so tun als mache das gar keinen Unterschied, und einem Strandabschnitt, an dem Bademode getragen wird, dann muss ich nicht lange überlegen, wo ich mich wohler fühle.

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Manche Hollywoodstars haben unter Twitter ganz schön zu leiden. Wenn die sich irgendwo mal privat blicken lassen, praktizieren Fans und Wichtigmacher einen etwas anders gearteten expliziten kommunikativen Zugriff, was dann ganz gerne dazu führt, dass weitere Fans und Paparazzi auftauchen. Für die Stars hat sich dadurch tatsächlich etwas geändert.

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Schaurig, das.
Aber bei Normalsterblichen ist diese Transparenz auch nicht ganz ohne, schon allein aufgrund des Stalking-Risikos, mit beileibe nicht nur Stars leben. Oder sei es, dass man sich bei foursquare irgendwo anders einloggt und einem derweil die Bude ausgeräumt wird.

Ich finde die Argumentation von Seemann, die das alles (wie auch die datenschutz-konträren Folgen des obrigkeitlichen "Zugriffs" auf unser Tun und Lassen und das ganze marketing-getriebene Profiling) so konsequent ausblendet, gelinbde gesagt ziemlich wacklig bis grob fahrlässig. Denn es sind eben nicht nur unsere ausgewählten Freundes- und Followerkreise, denen gegenüber wir mit den Hosen auf Knöchelhöhe dastehen. Und da würde ich schon endlich gern mal wissen, worin genau die gestiegene Lebensqualität liegen soll, die das alles angeblich mehr als kompensiert.

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Dies völlig auszublenden ist meines Erachtens völlig bescheuert - überrascht aber bei jemandem, der so schwurbelt, nicht.

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Ich hab' das auch gelesen, ich hab' auch die Stirn gerunzelt, dann bin ich mit dem Bus dran vorbeigefahren. Also mental. Buzz, Buzz, Buzz. Nicht dass die Themen nicht relevant wären - aber das ganze gewollte Insidersprech (ich habe keine Lust, hier Beispiele anzufügen, oben stehen ja ein paar) stößt mich ab, und es erinnert mich zu sehr an andere Wichtigtuer, die immer gleich meinen, jetzt aber mal ganz vorne dabeizusein und unheimlich wichtige Dinge zu verkünden.

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Ja, gell, sauwichtig! Besonders im letzten kursiven Absatz.

Ich hab die letzten Stunden mit Holzhacken verbracht. Das mach ich gerne. Mentales Exoskelett, pffh.

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Ja,
ich habe mit dem Darkmobil auch nicht gleich am Cottbuzzer Tor rechts rangefahren, um hallo zu rufen und zu winken. Ich hab schon nicht verstanden, warum man ausgerechnet an der Stelle irgendwelches kafkaeskes Registrierungsgedöns auf sich nehmen muss, wohingegen das bei paar anderen FAZ-Blogs, die ich frequentiere, viel eleganter und unbürokratischer vonstatten geht. Aber um das Thema ganz unkommentiert zu lassen, scheint es mir gesamtgesellschaftlich dann doch zu wichtig.

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@monnemer:
Yes. Holzhacken, Rodeln oder meinetwegen auch Kinderkotze wischen, das sorgt für den notwendigen Erdkontakt, da versteigt man sich gar nicht erst so weit in solche unreflektierten Cyber-Phantasien. ;-)

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Nochmal der letzte Absatz: ich höre da Plankton (eine Figur aus Sponge Bob) sprechen, auf der Jagd nach dem Burgerrezept.

Der erste FAZ-Beitrag von Herrn Seemann war ja schon reichlich schräg, aber der hier geht an die Haftgrenze.

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Wobei ich fairerweise auch sagen muss:
Gerade die immanente Widersprüchlichkeit der "individualisierten Entindividualisierung" trägt zum Charme dieses Terms nicht unerheblich bei.

Ich halte es prinzipiell nicht für unmöglich oder völlig abwegig, dass uns diese elektronischen Spielereien helfen können, mehr oder tieferes Bewusstsein für das "wir" zu entwickeln. Aber als gottgegeben, dass das so eintritt, betrachte ich das nicht. Mir sind und bleiben Kollektive grundsätzlich erst mal suspekt.

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Wenn jemand sagt, er lebt im Internet (Selbstbeschreibung), komme ich wahlweise in Versuchung,

[ ] ihn als arme Sau ohne Zuhause zu bezeichnen (digitale Obdachlose) oder

[x] allen Servern der Welt den Stecker rauszuziehen.

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Für mich zeigt das Erweckungserlebnis keinen Fortschritt, sondern Degeneration. Statt Individuum die Abhängigkeit von anderen. Ob Peers, Nachbarn, oder andere soziale Kontrolleure. Das mag für Jugendliche interessant sein, die in der Statuspassage zum Erwachsenen intensiven Kontakt und Vergewisserung durch Dritte benötigen. Aber als Lebensentwurf ist es ein Gefangen sein in der Jugendlichkeit und dem Ausweichen von eigener Verantwortung für das Leben. Sowohl aius normativen wie auch sozialen Gründen kann das nur für einen kleinen Teil der Menschen ein dauerhafter Zustand sein.

Für alle anderen wäre ein "mentales Exoskelett" dier Rückkehr zur traditionellen Gesellschaft, in der jeder Schritt durch formelle und informelle Kontrolle mit Rechtfertigungszwang nachvollzogen wird. Wenn ich alleine an Diskussionen denke, wie "wer darf wen followen und wem muss man followen", dann ist Social Media in der Seemann'chen Form eine Anti-Emanzipationsbewegung. Diese waren historisch nie sonders erfolgreich.

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@Don:
Ich fand "get a life" als Argument ja immer ein wenig wohlfeil. Aber hier in dem Fall...

@strappato: Guter Punkt, die Analogie zu juvenilem Ellbogenreiben mit der Gleichaltrigen-Gruppe habe ich gar nicht gesehen. Aber der Vergleich hat was, ohne Zweifel. Mir sind Kollektive, wie ich anderswo in diesem Thread schon sagte, mit ihrem inhärenten Konformitätsdruck total suspekt, entsprechend wäre mir so ein Exo-Skelett recht schnell zu eng und unbequem.

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Ich würde gar nicht get a life sagen. Ich würde nur behaupten, dass es ok ist, wenn die ihr Leben nach eigenen Wünschen haben. Aber das als heilsbotschaft für andere zu verkaufen ist noch bescheuerter, als wenn ich Quellen zum Kirchenrecht als tollen Lektüre anpreisen würde.

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Ja, der eigentliche Fehler
liegt im unreflektierten Extrapolieren des eigenen Erlebens. Das erinnert mich daran, wie Peter Turi vor einigen Jahren das Bloggen für sich entdeckte und sich bald darauf zu der gewagten Vorhersage verstieg, in zehn Jahren würden "wir alle" bloggen. Tja. Das hielt ich schon damals für ziemlich utopisch, und selbst wenn ich gnädigerweise noch Twitter, Tumblr und das ganze andere Mikrogeblogge dazunehme, sind wir dem "wir alle" in der Zwischenzeit nicht viel näher gekommen. Und warum das mit "wir alle" als unser aller Exoskelett sonderlich anders laufen sollte, vermag ich im Moment nicht zu erkennen - selbst wenn ich es als gegeben betrachte, dass der allgemeine Vernetzungsgrad in der Bevölkerung sicher noch zunehmen wird.

Aber wenn wir uns vor Augen halten, dass jeder Trend im Keim auch seinen Gegentrend enthält, scheint es mir nicht sonderlich verwegen, zu behaupten, dass wir vielleicht auch irgendwann eine analoge Aussteiger- und Antidigitalisierungsbewegung sehen werden.

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Ich glaube, es kommt einfach auf das richtige Mass an, und ob ich ein Werkzeug benutze, oder zum Werkzeug werde. Seemann sagt grob, dass wir sehr viel Werkzeug sein und haben werden, und das ist in meinen Augen schon ziemlich nah am totalitären Ideologien, in denen die Herrenrasse selbst auch nur Werkzeug für den Herren ist, der sie zu ihrer Vollendung bringt. Ich mag dieses kranke Zeig gar nicht unter diesem Gesichtspunkt lesen, sonst kriege ich nur enorm schlechte Laune, aber ich könnte es verstehen, dass ein derartiger Weltentwurf auch jemanden wie mich, wenn es denn je so weit kommen sollte, in Sachen Internet umdenken liesse.

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Das totalitäre Element
dieser Vision steckt für mich u.a. sehr unangenehm präsent im Wort "Zugriff". Selbst wenn ich dabei nicht an SWAT-Teams und SEKs denke, steckt mir da zuviel Potenzial für "Übergriff" drin, als dass ich so eine Entwicklung vorbehaltlos bejubeln könnte.

Es wäre mir schon zuviel des Guten, wenn die selbst ausgesuchten Freundes- und Kollegenkreise ständig diesen Echtzeit-Zugriff auf mich hätten oder auch nur die Information darüber, wo man sich diesen Echtzeit-Zugriff verschaffen könnte. Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, dass der Zugriff auf diese Informationen sich ja nicht auf diese Zirkel eingrenzen lässt. Ich würde also eher nicht darauf wetten, dass sich automatisch eine erstrebenswerte Ungezwungenheit einstellt, nur wenn genügend Leute mit Hosen auf Knöchelhöhe herumlaufen.

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ich gebe zu: ich fand das geschwurbel auch mal interessant. das war neu! das war fresh! das hatte sich nach drei monaten verbraucht!
es ist keine prophetie, es ist bockmist ohne auswirkungen. (es sei denn man liest und glaubt es. und auch dann wird's ne enttäuschung. man muss dann schon sehr fest glauben!)

herzlichen dank für den ausflug. ich komme in diesen ecken des netzes schon seit geraumer zeit nicht mehr vorbei und hatte habitus und duktus schon fast wieder vergessen.
(Über die schwierige Frage der [hier philosophisch/soziologischen begriff mit viel bullshitpotential einsetzen] werde ich mich ein andermal tiefer auslassen.)
oh, ich glaub, ich muss weg.
wäsche waschen, kakao trinken und so.
das interessiert sie nicht?
sowas aber auch.

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Ich wollte immer mal über Mondo 2000 bloggen, ich besitze das Buch dazu, eine Art Digest aus den Zeitschriftenartikeln. Das ist so 20 Jahre her - und damals fand ich das wirklich spannend, KI, VR, alles war cyber und wie eine elektronische Droge und die Autoren hießen R. U. Sirius. (Damals habe ich auch noch Robert Anton WIlson gelesen, das paßte wunderbar zusammen.) Aufbruch in neue Welten, hyperreal und Geist und Wissen und Körper konnte man gleich mit erweitern.

Irgendwie ernüchternd, wenn die Leute im Jahr 2010 über dieses Seminaristen-Geschwurbel nicht hinaus sind. Ich meine: Mir ist gestern beim Heimwerken der Hammer auf den Fuß gefallen. und in diesem Moment, als ich den Schmerz in Echtzeit spürte, wußte ich, das sich meine Welt fundamental erweitert hatte: Schneller als das Werkzeug nach unten fiel, stieg der Schmerz von unten wieder ganz nach oben, Akzeleration!, Paul Virilio! Simultanerlebnisse, gleichzeitige Fleischwerdung meiner Timeline und einer kleinen Schwellung auf dem großen Zeh. Leider habe ich es nicht in die sechste Dimension twittern können.

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Zum erlesenen Leserkreis
dieser Spezialpublikation gehörte ich nicht, aber im Einflussbereich entsprechender morphischer Felder bewegte ich mich natürlich auch. Zu R.A.W. kam ich erst etwas später, aber das ganze Neuromancer-Cyberpunk-Hacker-und-Konsolen-Cowboy-Ding elektrisierte natürlich enorm. Diverse Freunde von mir hatten Mitte der 80er verschäften Stress mit dem "Gilb" wegen ihren 2.400-Baud-Akustikkopplern und wiederholten Verstößen gegen das Fernmeldeanlagengesetz von 1928. Die damals imaginierte "Welt am Draht" mag heute dank WLAN und UMTS etwas drahtloser daherkommen, aber die Vision vom Cyberspace als dem virtuellen Blutkreislauf einer künftigen Gesellschaftsform war ja schon da.

Und die entsprechenden Warnungen standen auch schon an der Wand:

Stell Dir vor, Du müsstest Dich in Deinem Privatleben so bewegen wie in einem Betrieb mit einem funktionierenden Zugangskontrollsystem, mit maschinenlesbaren Werksausweisen, und es würde ständig gespeichert, durch welche Tür Du gehst, wie lange Du Dich aufgehalten hast - selbst wenn nie etwas Unrechtmäßiges mit diesen Daten getan wird, allein das Bewusstsein, dass Du Dich nicht mehr frei bewegen kannst, das Wissen darum, dass das alles festgehalten wird über sehr lange Zeiträume, wirkt sich verheerend aus auf das Minimum an Persönlichkeit aus, das Du noch hast."

Umschlagtext "Datenschatten" - Das Buch zur ZDF-Fernsehserie, Rowohlt, 1984.

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Was 1984 eine Bedrohung war, gilt ja heute als hoffnungslose Vorkriegsmentaliät. Immerhin, von den Pionieren schlägt Jason Lanier seit einigen Jahren (SZ, 2006, und FAZ, 2010) kritischere Töne an. Entindividualisierte Individualität, meine Güte.

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Nun,
diese kritischeren Töne resultieren wenn ich das richtig sehe aus einer gewissen Enttäuschung über einen Utopieverlust. Man hat sich das ganze etwas kuschliger vorgestellt, was nun aber nicht zwingend heißt, dass die eigentliche dunkle Seite der Digitalisierung damit schon als solche erkannt und benannt wäre. OK, Schwärme sind gar nicht so intelligent, wie bestimmte Leute vor ein paar Jahren noch proklamierten, völlig überraschend stellen irgendwelche gealterten und desillusionierten Cyberhippies jetzt fest, dass eine große Zahl von Menschen halt auch heißen kann, dass man es mit einem potenziellen Mob von Idioten und Egoisten zu tun hat. Wow. Hätte man beizeiten auch Nietzsche und Ortega Y Gasset gelesen, wäre das Erwachen vielleicht nicht so unsanft, aber nun ja.

Dass das Netz uns nicht automatisch mehr Verständnis füreinander und eine offenere Gesellschaft bringt, kann doch jetzt nicht so eine Überraschung sein, oder? Aber da der Mensch ist wie er ist, habe ich halt Sorge, dass diese große Transparenz, auf die sich Seemann so freut, nicht unbedingt zu unserem Segen wirkt, sondern wenns dumm läuft in andere Formen der Kontrolle oder gar Knechtschaft führt.

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Zu Mondo 2000-Zeiten hegte man ja noch so Hippieutopien von einer neuen zweiten Welt, die demokratischer ist und von "Netizens" bevölkert, denen man Handicaps und Status nicht mehr ansehen kann. Friede, Liebe, Freiheit... an die Doofheit hat damals keiner gedacht. Der Hype um bestimmte Technik macht eben auch besinnungslos. Ich erinnere mich an einen Kollegen in der SZ, der um 2004 rum begeistert darüber schrieb, wie unbestechlich Google sei, weil die Suchmaschine ja nicht zu manipulieren sei. Damit sei für Jahre... und uneinholbar... usw. Man merkt, wie bedeutsam der Faktor Zeit sein kann, und sei es nur der Moment, wo man erstmal atmet und denkt und dann noch mal atmet und dann erst reagiert. Wie im echten Leben halt.

Man begegnet sich halt manchmal, spricht sich an oder auch nicht, registriert eine solche Begegnung oder auch nicht... das ist wirklich meist "brunzbanal" wie Sie so schön schreiben. Mich erinnert die Begeisterung des FAZ-Bloggers an den, der zum ersten Mal in den Bergen steht und sein Echo hört - und sich daran in kindlicher Freude ergötzt. Hallo Welt! Hallo Echo!

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Haha, genau:
"Hallo Echo!" - "Hallo Otto!" (die Älteren werden sich erinnern).

Mit dieser blinden Fortschrittsbegeisterung und der überzogenen Erwartung, das Netz werde die Gesellschaft demokratisieren und die Wüste begrünen, verbinde ich nicht zuletzt den Namen Esther Dyson. Die gehörte prominent zu diesen Aktivisten und Cyber-Hippies, die während des Dotcom-Hypes noch von Podium zu Podium und von Keynote zu Keynote jetteten und immer noch von der schönen neuen Welt schwadronierten, während Leute wie Clifford Stoll ("Die Wüste Internet") schon ins Grübeln kamen, ob es nicht vielleicht schon massiv in die andere Richtung geht und Analysten wie der legendäre Henry Blodget von Merryl Lynch anfingen, ihre überzogenen Bewertungen der Internet-Aktien zu revidieren. Ich hätte Mitte 2001 auch nicht unbedingt gedacht, dass es nur drei oder vier jahre Verschnaufpause gibt, bis das ganze Bullshit-Bingo mit neuer Versionsnummer und ein paar frischen Buzzwords wieder losgeht.

Ich habe hier auch einen Reader zur Medienpolitik von 1981 rumstehen. Und wenn Sie die Einlassungen der Verlegerverbände zu dem für Mitte der 80er projektierten Start von Bildschirmtext (Btx) lesen, dann ersetzen Sie im Geiste einfach mal den Begriff "Deutsche Bundespost" durch "Google" - und Sie werden überrascht feststellen, dass wir damit dem heutigen Stand der Diskussion schon recht nahe kommmen. ;-)

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Nachtrag
Und nun stelle man sich einmal vor, Miss Monolog und ich hätten unsere nahezu zeitgleich aber an weit entfernt von einander passierenden Hammer-Erlebnisse in diese elektronisch erweiterte Echtzeit-Wirklichkeit gezwitschert! Ambient Awareness wie aus dem Buche.

(Oder ein Fall für dieses Projekt)

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@kid37:
Wie kompliziert. Bei Facebook können Sie solche Statusmeldungen und Tweets doch ganz leicht einbinden, und irgendwann werden Sie dann gefragt: "Wollen Sie der Gruppe 'Guck mal, wer da hämmert' beitreten? Und schon sind Sie Teil des mentalen Exoskeletts der anderen Bekloppten und Behämmerten. (Was mich daran erinnert, dass ich bei FB neulich nach Nägeln für dieses Farmville-Spiel gefragt wurde. *kopfschüttel*)

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(hier auch:
"Hallo: Ich brauche noch 5 Farmville-Nachbarn die mir bei dem Hühnerstall helfen. Bitte klicken, ich danke. [...]"
- die kleine farm bringt noch alle um den verstand)

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Bemerkenswert ist doch, dass auf diese Weise mal wieder behauptungsweise in den Raum gestellt wird, das, was da beim Aneinander-Vorbeifahren geschehen ist, sei von irgendeiner Bedeutung. Was soll man dazu sagen? Tagtäglich fahren Millionen Menschen aneinander vorbei. Manche kennen sich, manche glauben, sich zu kennen, manche kennen sich nicht. Die meisten ignorieren sich. Demnächst twittert Tante Erna in Echtzeit, wie sie im Krankenhaus einen Katheter geschoben bekommt - ist das nur deshalb bemerkenswert, weil die Dame mit dem Neugeborenen eine Etage tiefer das zeitgleich mitbekommt? Wohl kaum. Ich finde solche Pseudo-Begegnungen vollkommen belanglos und zum Gähnen. Selbst, wenn sie sich nicht als temporäres Rand-Phänomen erweisen sollten, bleibe ich doch lieber in der Realität.

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Ach Gottchen,
Realität wird ja auch überschätzt ist ja nun auch ein dehnbarer Begriff, und es hängt immer davon ab, auf welchen Ausschnitt davon man seine Wahrnehmung grad fokussiert. Ich würde nun auch nicht behaupten, ohne Handy-Gezwitscher an einer Haltestelle rumzustehen, wäre grundsätzlich die bessere, weil realitätsvollere und somit auch bedeutsamere Option.

Die viel entscheidendere Frage sehe ich darin, wo Leute wie Seemann oder andere Digitalitätsprediger es hernehmen, ihren eigenen Spleen so derart übersteigert zu einem gesamtgesellschaftlich unausweichlichen Megatrend zu extraopolieren, nach dem Motto, "in naher Zukunft werden wir alle..." Und zwar in völliger Verkennung der Tatsache, dass es gar nicht mal so wenige Mitmenschen gibt, denen dieser "always on"-Lifestyle von irgendwelchen Hauptstadt-Hipstern hinterm Hüftgelenk vorbeigeht.

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Ich bin froh, wenn nix klingelt, ich nirgendwo drangehen muss, ich nichts gesagt kriege und nix sagen muss und - mal ganz ehrlich unter uns - wen interessiert denn auch ob der Bernie gerade im Supermarkt Makkaroni kauft oder Tinichen jetzt zum Zahnarzt geht oder der Annalena ein Fingernagel angebrochen ist. Und wieviel Zeit steckt in dieser 24-Stunden-Mitteilungstrebsamkeit! Was hätten die Leute Zeit für andere Dinge... aber vermutlich würden sie sich dann langweilen.... :)))

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Das sagen Sie was.
Ich erschrecke ja schon, wenn mein Handy eine SMS empfängt. Meistens ist es dann eh nur der Mobilfunkbetreiber, der mir irgendeinen uninteressanten Bonuspunkte-Stand mitteilt oder wenns hoch kommt irgendwelche neuen Minutentarife für Gespräche ins EU-Ausland.

Ansonsten sehe ich ja beim gelegentlichen Aufschlagen vom Gesichtsbuch die ganzen Statusmeldungen, Tweets und Foursquare-Reviermarkierer meiner sogenannten "Freunde" , und dabei wird mir spätestens wieder klar, warum ich das alles nur zu einem verschwindenden Bruchteil in Echtzeit haben wollen würde.

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Menschen wie diese werden Kinder aufziehen (oder zumindest beeinflussen), und diese werden dann wieder etwas mit dem Kram machen, den wir im Moment mit dem Begriff „Web 2.0“ verharmlosen.

In einem früheren Leben habe ich am Rande mitbekommen, wie Menschen auf Wörter reagieren, die sie leichtsinnigerweise als „Information“ bezeichnen, und wie jeder sich berufen fühlte daraus erst voreilige Rückschlüsse, und dann eine noch schlimmere Geschichte zu machen. Ich war zum Glück nicht be- sondern nur ge-troffen. Hat trotzdem weh getan.

Das Internet vergisst nichts. Vergessen wir das nicht. Die Blockwarte alter Schule würden vor Freude einen Kabelbrand im Herzschrittmacher bekommen über die Möglichkeiten die sich ihnen aufgetan hätten, hätte es das Internet schon 1936 gegeben. Im Zweifel wird alles gegen uns verwendet. Und nicht nur im „Zweifel“ …

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sie meinen, wir sind die ersten, die an die wand gepixelt werden, wenn die große revolution kommt?
dafür müssen die mich erstmal finden - ich bin zuhause...

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*lach* Über Auswurf hatten wir jetzt eh Mailverkehr *fg*
Deswegen kicher ich einfach weiter.

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Das dachte ich mir schon,
dass Ihnen dieser Beitrag Wasser auf die Mühle gibt. Ich würde nach wie vor nicht pauschal behaupten wollen, es würde überwiegend Mist getwittert. Aber wenn ich es recht bedenke, finde ich es ziemlich schade, dass etliche Blogs, die ich früher gerne gelesen habe, ziemlich verwaist sind, weil ihre Betreiber sich leichter tun, in kurzen Abständen 140-Zeichen-Tweets rauszufeuern als weiterhin schöne und lesenswerte Beiträge zu schreiben. Wobei wir natürlich nicht wissen können, ob ohne die Entdeckung von Twitter die Lust am Bloggen länger angehalten hätte...

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Bin da ganz bei Ihnen. Zumal manche wirklich ihr Talent verschwenden. Und da ist es auch egal, ob sie 3 oder 50 Nachrichten pro Tag absetzen.

Gut, dann werde ich Ihnen nicht vorenthalten, daß ich gestern mehrfach per Mail angepflaumt wurde.
Leider schaffen es manche Menschen dann auch nimmer über ihre x-tw*tt*r Zeichen hinaus.
Allerdings Hut ab, wie man in 2 einzeiligen Mails derart viel Aggression und Vorwurf reinpacken kann. Muß man auch erst mal drauf haben (um dann alles in 128 Zeichen [mit Leerzeichen] abzustreiten).

Das ist ja fast, als tät ich SMS verschicken. Wär mir gestern eigentlich auch lieber gewesen. Weil da versteh ich wenigstens noch die Zeichennot. Aber bei Mails? - nein.

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ich komme mal wieder viel zu spaet. beim lesen formulierte ich schon parallel einen scharfen kommentar mit den worten "individualisierte entindividualsierung", aber da ist scheinbar kaum einer ohne reflux dran vorbeigekommen.

ich komme fast gar nicht dazu, ueber die aussagen nachzudenken, weil mir von dem duktus so schlecht wird, dass ich besser schnell ins bett gehe.

(was ich jedoch gerade dachte, mal abgesehen davon, dass ich mir vorstellen kann, dass in 6 jahren keine sau mehr twittert: wenn ich in ein paar jahren mal nicht genau weiss, ob mein kind auf dem weg von der grundschule nach hause oder alternativ noch ein bisschen auf dem spielplatz schaukeln ist, kann mein neuestes smartphone mir da sicher die antwort geben.)

ausserdem muss man auch bedenken, dass ja nicht alle immer alles mitmachen. ich habe zb ein mobiltelefon, antworte auf den satz "ich hab dich doch auf dem handy angerufen" immer mit dem satz "ich war ja nicht zuhause". das ist keine attituede, das handy hat nur nie seinen weg in meinen tagesablauf gefunden.

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Ah Frau Herzbruch, Sie auch elektronische Fußfessel Kindersicherheitskontrolle? ; )

Ich schockiere die Leute immer wieder damit, daß es einfach 3 Tage lang aus ist. Oder ohne Saft. Wozu auch, ich brauch es nur für die Arbeit, aber währenddessen muß es aus sein. Also wann ist es an? Wenn ich sehr früh raus muß, als Zusatzwecker. Und sonst? An ja, aber es dreht sich von allein wieder ab. *gg*

Außerdem hab ich Festnetz. Aber da ist mir gestern auch so was passiert - wurde ich telefonisch gefragt: "Und wo bist Du?" - "Zu Hause" - "Ja klar, das weiß ich selber, hab Dich ja angerufen. Sehr komisch har har. Nein morgen, wenn ich Dich dann anruf." - "Zu Hause"
Okee, irgendwie fand ich das gestern noch lustiger ; )

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Dass die soziale Intelligenz von Gruppen in Web 2.0-Umfeldern ein Mythos ist und eher dem klassischen Dorfmob entspricht, habe ich selbst erlebt. Den Beweis für die postulierte höhere Werthaltigkeit ihrer Schwarmexistenz sind die jeweiligen Schwätzer umfassend schuldig geblieben.

Ein interessanter Beitrag zum Thema "Individualisierte Entindividualisierung" kommt imho von Jacques Attali, der sein (natürlich vom Schwarm gescholtenes, aber immerhin unterhaltsames) Buch "Die Welt von morgen" genau da ansetzen lässt und uns einige unschöne Konsequenzen dieser Entwicklung prognostiziert.

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Dazu reichen mir oft schon die Kommentare bei den Zeitungen, die ich online lese. Manchmal warte ich fast darauf, daß irgendwo eine brennende Fackel auftaucht :(

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@herzbruch:
Ob es dann tatsächlich in eine bessere Welt führt, wenn in sechs Jahren keine Sau mehr twittert, who knows? Die neueste Seuche ist ja foursquare, wo einem alle erzählen, wo sie grad shoppen oder spachteln, vielleicht hat Klein-Ona dann ja schon einen implantierten RFID-Chip im Arm oder einen Bluetooth in der Kauleiste, was weiß ich?

@mykoplasma: EDIT: Ach nichts, vergiss es.

@sid: Hier beim Regionalblättchen gehts eigentlich noch mit den Leserkommentaren. Aber was da bei der "Welt" manchmal aus den Löchern gekrochen kommt, um einen Haufen drunterzusetzen, das wollen Sie echt nicht wissen. Ist das beim "Standard" auch so schlimm.

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Erschreckenderweise ja.
Bei einem Boulevardblatt würde man das ja eh fast erwarten, aber... schauderhaft... leider zu oft...
(Sie sehen, mir fehlen die Worte.)

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Der Text liest sich, als hätte der Autor die falschen Pilze geraucht.

Zu denken, Twittern erweitere die Realität, ist absurd. Es erweitert im besten Fall die Belanglosigigkeit.

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@usedomer:
Naja, das muss kein Widerspruch sein; wenn ich in einer belanglosen Realität lebe, erweitert Twitter die Belanglosigkeit.

Ich bin nun auch gar kein Erzfeind des Belanglosen (wie denn auch: Weit über 90 Prozent meiner Bloggerei sind ja auch völlig belanglos). Aber ich käme nicht auf die verblasene Idee, daran, dass alle Belanglosigkeiten absondern, werde die Welt genesen.

Wobei es ja durchaus Mitmenschen gibt - ich denke zum Beispiel an meine Frau ;-) - deren Twitter-Timeline ich mit wohlwollendem Interesse betrachte.

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das Beste kommt zum Schluß

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Was genau meinen Sie:
Die gewagte Prognose oder "Nietzsche ist gar kein Ausdruck"?

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Die zusammenfassende Feststellung der Belanglosigkeiten in 2 kurzen Kommentaren, nachdem ich von oben nach unten alles ordentlich durchgelesen hatte.

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Man hätte auch gleich auf den Blade Runner verweisen können, der hat ja schon vieles vorweggenommen: "Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. [...] ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Kottbusser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Timeline, so wie Tränen im Regen."

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Das ist Gefasel, und es hat mehr als 140 Zeichen. ^^

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Zeichen, Chiffren und Glyphen
überall, auch in der *hüstel* Gegenwartsliteratur: Ich sage nur "Exoskeletl nervtöt".

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Das ist auch Gefasel, aber twittertauglich, wir kommen dem Hive schon näher damit. Natürlich nicht der großen Literatur, aber es gibt auch Thomas Mann als PDF, da ist schnell was entlehnt.

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"Allein bedenkt,
das Netz ist heute zaubertoll, und wenn ein Wirrwicht Euch die Wege weisen soll, so müsst Ihrs so genau nicht nehmen."

Passt das, jemand mitgezählt?

EDIT: Ich sehe mich per Mail dem unbegründeten Verdacht ausgesetzt, der Begriff "Wirrwicht" wäre auf eine Mitdiskutantin in diesem Thread gemünzt gewesen. Hierzu stelle ich fest, dass ich dabei eigentlich eher in Richtung eines anderen Mitdiskutanten (und Auslöser dieses Postings) gedacht hatte.

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Ohne die vorangegangenen Kommentare gelesen zu haben:
Ich finde soziale Netzwerke großartig! - Twitter im Speziellen ist mir nur leider zu oberflächlich, um mich damit eingehender zu beschäftigen.
Ich bin jetzt erstmal glücklich, seit einigen Jahren dank des Internets glücklich vergeben zu sein, und werde dennoch keine Freudensprünge machen, weil es das Internet gibt - höchstens vielleicht doch ein paar ganz kleine deswegen, weil es den Zugriff auf Informationen wesentlich erleichtert und ich aufgrund eines Zeitungsartikel letzte Woche mehr als befriedigt feststellen kann, dass das Netz und eben diese sozialen Netzwerke zur Aufklärung und Autonomie der Gesellschaft beitragen! (Es handelte sich um den Plan, Ärzte und Ärztinnen in einer zentralen Datenbank zu sammeln, Zugriff von jedem und von überall, zum Zwecke der Entlarvung ärztlicher Schlamperei und vorsätzlicher Auspressung des Patienten.)

Auch aus persönlichen Gründen und Erfahrungen muss ich sagen: Zuweilen ist Transparenz gar nicht mal so schlecht. Ich bin dagegen, die Kranken- und Lebensgeschichten von Menschen ins Netz zu stellen, wie es die Schweden schon seit Jahrhunderten machen; aber sobald es um den Rechtsstaat und die Rechte des Einzelnen geht - und natürlich auch die Pflichten - bin ich begeistert von der "entindividualisierenden Individualisierung".

Wir brauchen einfach nur mehr Mut!

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Ja,
auch mehr Mut, die vorangegangenen Kommentare zu lesen. ;-)) Da haben einige Leute zu den potentiellen Schattenseiten der totalen Transparenz ein paar lesenswerte Aspekte zusammengetragen, finde ich.

So ein Spickmich-Portal für den Medizinbetrieb, das glaube ich ja erst, wenn ich es sehe. Und dann ist noch die Frage, wenn mit den Ärzten mal der Anfang gemacht ist, dann ist der Weg nicht mehr weit, entsprechend auch von den Patienten das Hosenrunterlassen einzufordern. Mit der Gesundheitskarte ist der Anfang ja schon gemacht, und dann haben wir ruck-zuck eine Art Patienten-Schufa.

Mehr Mut brauchen wir auf alle Fälle. Unter anderem auch dafür, um uns gegen vermeintliche Sachzwänge und Zumutungen der Digitalisierung zu wehren.

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Solche Bewertungsportale gibt es für Kliniken und Ärzte längst - allein im vergangenen Jahr sind einige neue entstanden (inwieweit die aber schon Geld für die kommerziellen Betreiber abwerfen, steht auf einem anderen Blatt).

Abgesehen davon gibt es auch noch etliche Klinikportale, beispielsweise von Krankenkassen, der Bertelsmann Stiftung, den Krankenhausgesellschaften, von regionalen Initiativen oder Klinikbetreibern. Die funktionieren unterschiedlich, bei einigen werden auch Patienten und/oder einweisende Ärzte befragt. Die AOK arbeitet auch schon an einem Ärztebewertungsportal.

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Ah ja,
ich habe mich da etwas missverständlich ausgedrückt. Dass es bereits diverse Angebote gibt, glaube ich natürlich jederzeit. Ich weiß nur nicht so recht, was ich mir an Erkenntniswert davon erhoffen soll. Vieles ist halt doch recht subjektiv. Über die HNO-Praxis, die ich neulich mit der Kleinen aufsuchte, hörte ich hinterher nicht viel dolles, aber auch nichts Konkretes. Schlimmeres, als dass mir die Ärztin nicht supersympathisch war, kann ich auch nicht berichten. Obwohl, doch: Mit Blick auf meinen (tendzenziell slawischen) Nachnamen fragte sie: "Ah, wo kommen Sie denn her?" Worauf ich lächelnd antwortete: "Baden-Württemberg."

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Und ich dachte immer, Sie entstammten direkt einem Dostojewskij-Roman. :-)

Dass die Bewertung rein subjektiv ist, räumen die Bewertungsportalbetreiber selbst ein. Es gibt dabei unterschiedliche Varianten, bei einigen werden bestimmte Kriterien abgefragt, für die die Nutzer dann Sterne vergeben. Bei anderen haben sie auch noch die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu schildern. Das führt dann häufiger zu richtig schönen Kommentarschlachten mit anderen Nutzern. Welchen Erkenntnisgewinn die Bewertung einem bringt, muss dann jeder Leser selbst für sich entscheiden.

Bleibt noch die Frage der Manipulationsmöglichkeiten. Ja, gibt es. Man hörte schon von übereifrigen Klinikmitarbeitern, die sich als Patienten ausgaben und das eigenen Haus über den grünen Klee lobten, und von unzufriedenen Klinikangestellten, die das Gegenteil taten.

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@arboretum:
Ein Grund mehr, von solchen Veranstaltungen nicht viel mehr zu erwarten als ein erhöhtes Grundrauschen mit diffuser Restchance auf vereinzelte klare Signale. Wenn ich bei anderen Eltern oder den Erzieherinnen im Kindergarten Meinungen einhole, liefert das zwar ein beschränkteres Meinungsbild, aber zumindest kann ich es ein bisschen besser einordnen als Meinungen von mausi1974 oder horst_honk im Internet. Aber welches Problem genau die Erzieherin und der Papa eines anderen Kindergartenkindes mit der HNO-Ärztin hatten, die ich mit der Kleinen aufsuchte, hab ich auch nicht so recht verstanden. Man muss halt seine eigenen Erfahrungen machen.

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Hallo Mark!
Das doofe FAZ-Redaktionssystem zeigt mir leider keine Referrer an und so musste ich erst über Don von deinem Beitrag erfahren.

Zu deiner Kritik: Ich hab ja am Anfang geschrieben, dass sich das alles für den ein oder anderen sehr esoterisch anhören mag. Ich bin da auch auf eine gewisse Weise rückhaltlos. Ich versuche zu beschreiben, wie sich das beizeiten anfühlt, wenn ein breitbandiger Echtzeitgedankenstrom in dich hineinfließt. Es ist alles sehr vage und noch viel zu neu, als dass ich hier in der Lage wäre, das wirklich verteidigen zu können. Mit dem Blog will ich mich herantasten, an etwas, was ich tatsächlich erlebe, für dass es aber keine wirklich greifbaren Messinstrumente gibt.

Sagen wir so: Schirrmacher hat in seinem Buch eben jene Kontrollverluste als Gefahr beschrieben, deren Potentiale ich nun verteidige.

Nun ist es aber so, dass Veränderungen viel leichter als Gefahren zu beschreiben sind, weil sie eben immer Gefahren für das bereits bekannte sind. Potentiale kann am aber viel schwieriger fassen, weil das, was sie in die Welt bringen, eben keinen Maßstab im bereits bekannten findet.

Ich bin nicht der erste, der diese Dinge versucht auszuloten. "Hivemind", "Echtzeit" und andere Begriffe kommen dann meist dabei heraus, die so genannten Buzzwords. Es ist vielleicht nicht schön, aber man ist ganz dankbar als Autor, wenn man wenigstens hier und da auf bereits existierende Begriffe und Wissen aufbauen kann, wenn man über das Neue schreibt. Ich hoffe, du hast wenigstens zur Kenntnis genommen, dass ich mit diesen Begriffen durchaus kritisch umgehe.

Dass mdu bei all dem digitalen Ringelrein nicht mitmachen musst, versteht sich von selbst. Ich bin der Letzte, der irgendwen deswegen kritisieren würde. Ich glaube, du kennst meine Toleranz noch aus Religionsblogzeiten ;) Auch weiß ich nicht mal, ob ich es überhaupt empfehlen würde, denn ich habe ja nicht wirklich eine Ahnung wohin die Reise geht. Ich finde es nur viel zu spannend, als dass ich es lassen könnte und auch viel zu aufregend, als dass ich nicht darüber schreiben wollen würde. Aber das ist meine eigene Entscheidung. Jeder muss sie für sich selber treffen.

Ich hoffe, ich konnte ein paar deiner Fragen beantworten.

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Hallo Michael,
danke für die ausführliche Wortmeldung. Wie gesagt, ich habe ich Dich aus früheren Diskussionen durchaus in angenehmer Erinnerung, und ich hätte meine Kritik an Deinem Beitrag auch wirklich gern bei Dir im Blog angebracht, wo sie auch hingehört. Aber zu meinem Befremden war das mit viel mehr Heckmeck verbunden als bei Don und Andrea, und daraufhin hab ich halt hier den Pegasus gesattelt. Wie ich dieser Tage beim Don auch sagte, finde ich Dein Blogthema ziemlich spannend, und ich leite daraus auch keinen Anspruch ab, dass das unbedingt in die Richtung gehen muss, in die ich gehen würde, wenn das meine Reise wäre.

Mir erschien es bei aller verständlichen Begeisterung für die neuen Vernetzungs-Spielzeuge halt doch schon fast grob fahrlässig, die Schattenseiten dieses totalen Striptease so vorsätzlich und komplett auszublenden und so zu tun, als ob die Menschheit dabei nur Wunder weiß was zu gewinnen hätte. Aber das ist ja nur die eine Seite der Gleichung, und auf der anderen steht das Menetekel an der Wand:

Stell Dir vor, Du müsstest Dich in Deinem Privatleben so bewegen wie in einem Betrieb mit einem funktionierenden Zugangskontrollsystem, mit maschinenlesbaren Werksausweisen, und es würde ständig gespeichert, durch welche Tür Du gehst, wie lange Du Dich aufgehalten hast - selbst wenn nie etwas Unrechtmäßiges mit diesen Daten getan wird, allein das Bewusstsein, dass Du Dich nicht mehr frei bewegen kannst, das Wissen darum, dass das alles festgehalten wird über sehr lange Zeiträume, wirkt sich verheerend aus auf das Minimum an Persönlichkeit aus, das Du noch hast."

Diese Denke mag Dir wie ein alter Hut aus Vorkriegszeiten erscheinen, aber widerlegt hast Du diesen Gedankgang damit nicht. Was wir im worst case zu verlieren haben dürfte klar sein, nämlich weite Teile der Freiheiten, die wir heute noch genießen.

Und was wir anderseits in Deinem Szenario zu gewinnen haben, was so toll ist, dass wir die Kontrollverluste freudig nickend in Kauf nehmen sollen, das darfst Du gerne noch näher und detaillierter darlegen in künftigen Beiträgen.

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Lieber Mark,
Ich stelle mich den Problemen des Kontrollverlustes durchaus. Mein erster Beitrag handelte genau von dem Thema. Dort habe ich sehr deutlich beschrieben, was, wie und wie stark mit Daten möglich ist. Meine Meinung: Alles.

Die konkreten Gefahren, die daraus resultieren, habe ich noch nicht beschrieben, das stimmt. Das habe ich aber vor. Kann ich nach dem zweiten Beitrag vielleicht noch auf ein wenig Geduld hoffen?

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Ach so. Wegen der Kommentareinstellungen. Ich bin ja noch neu mit dem System. Hab grad geguckt, ob ich da was einstellen kann, aber nicht's gefunden. Wenn Don nicht so sauer auf mich wäre, würde ich ihn ja fragen. ;)

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@mymspro:
Ich werde mich vom System auch mit den jetzigen Einstellungen nicht dauerhaft abhalten lassen, Senf zu spenden.

Zum ersten Beitrag, jein, Tut-Ench-Amun ist der Notwendigkeit enthoben, Risikozuschläge zur Krankenkasse abzudrücken oder von einer privaten Kasse mit seiner medizinischen Vorgeschichte abgelehnt zu werden, insofern fand ich das Beispiel jetzt nicht so richtig alarmierend.

Wenn ich weiß, dass auch zu den Gefahren noch mehr kommt, kann ich mich gerne in Geduld üben. Mir war nur, als hätte ich schon Dein "mission statement" oben rechts so verstanden, als hättest Du eher nicht vor, die potentielle Schattenseite der Entwicklung allzu eifrig zu erkunden. Wenn ich das missverstanden habe und das anders gedacht ist, umso besser.

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Sagen wir so: Ich sehe das auch nicht als das primäre Ziel des Blogs. Ich finde die Diskussion um Datenschutz sehr wichtig, aber über das Thema gibt es sehr viele und viel bessere Blogs. Außerdem hat die FAZ da ja auch Rieger und Co, di ebeleuchten das Thema sehr gut. Ich werde demnächst über Datenschutz schreiben, aber insgesamt wird es eher ein Randthema bleiben.

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Gut, das ist zumindest eine Ansage.
Ich könnte natürlich auch sagen, hey, was solls, paranoid bin schon selber genug, was soll der Michael Seemann da jetzt noch Bocksprünge machen. Tatsächlich habe ich auch gar nicht die Erwartungshaltung, dass Du da in einer Tour neue Abgründe aufzeigst. Mir geht es da mehr so um eine allgemeine Verhältnismäßigkeit in der Darstellung, und wenn Du uns die schöne neue Welt der Kontrollverluste schmackhaft machen willst (und diese Absicht lese ich aus Deinen bisherigen Einlassungen schon heraus), kann man eben meines Erachtens auch nicht so tun, als hätte das alles kein Preisschild.

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Hihi
Bei dem 'Man muss sich bei FAZ registrieren'-Argument muss ich immer an uns blogger.de-Leute denken, bei denen es ja nicht anders ist. Die Berliner Bohème "kann" hier ob der Registrierungshürde auch erst mal nicht mitdiskutieren. Find ich lustig. Zwei so gated communities reden übereinander.
Andererseits ist es ja nicht von uns so gewollt - ich z. Bsp. würde meine Kommentare öffnen, sobald es möglich wäre. Andere finde es so ganz schuckelig hier.

Als ich den Text zum ersten mal las/überlas fand ich das ganze ja noch halb anregend. So viele Links, so viele Gedanken, fast schon james joyce-ig. Dann wurde mir aber klar, dass es schnell ins esoterisch-philosophische abrutscht. Augmented Web als die New-New-Age-Bewegung?

Ich bin ja selbst die stärkste Twitterin und schwimme im neuen Netz wie ein gelb schillernder, dreiäugiger Fisch in einer Simpsons Episode, aber dieses Gefühl, dass man es nahezu zu spüren vermag wenn ein uns bekannter Mensch sich im gleichen Raum aufhält, obwohl man ihn nicht sieht, nennt man einfach Empathie, o.ä.. Das mit dem 'Mentalen Modell' und dem 'Körperschema' mag ja zutreffen, aber das passiert auch, wenn ich über Telefon erfahren habe, dass jetzt jemand an mit vorbeifährt, oder wir zwei Stunden früher abgemacht haben, dass wir aneinander vorbeifahren.

Wer ist als Jugendlicher nicht an dem Haus der Jugendliebe heimlich mit dem Fahrrad vorbeigefahren, und hat sich stärkstens gewünscht, dass sie es auch spürt? Man hat schließlich auch gespürt wie die andere Person in ihrem Zimmer saß. Das ist Projektion und Empathie und gibt es schon ganz, ganz lange. Das Netz ist da nur ein weiterer Kanal, der dieses Gefühl heraufbeschwören kann.

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Wer ist als Jugendlicher nicht an dem Haus der Jugendliebe heimlich mit dem Fahrrad vorbeigefahren, und hat sich stäkstens gewünscht, dass sie es auch spürt?

Haha, ich musste als Teenie häufiger die damals beste Freundin auf solchen Touren begleiten. Was glauben Sie, wie oft der jeweilige Schwarm prompt aus der Haustür trat, wenn wir gerade gaaanz zufällig* daran vorbeischlenderten.

* die wohnten meist in anderen Stadtteilen oder Ortschaften

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@yetused:
Absolut, und mir geht es weder darum, den Kanal noch das Gefühl zu diskreditieren. Meine Frau zwitschert auch, und ich höre da gerne rein. Aber wenn im digitalen Sportpalast der Vorturner ins Stadionrund fragt: "Wollt Ihr den totalen Tweet?", dann muss ich leider sagen, "Nö, lieber nicht." ;-)

@Registrierung: Hier bei blogger.de hält sich der bürokratische Aufwand aber vergleichsweise in Grenzen. Und komischerweise geht es in den FAZ-Blogs von Andrea und Don ja auch einfacher, das verstehe ich irgendwie nicht.

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Weil hier und auch in dem Ctrl-Blog immer so viele neue Wörter vorkommen, eine Frage. Wenn Arboretum schreibt:

"Was glauben Sie, wie oft der jeweilige Schwarm prompt aus der Haustür trat, wenn wir gerade gaaanz zufällig* daran vorbeischlenderten",

ist das dann diese häufiger genannte "Schwarmintelligenz"?

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Hihi,
man könnte sagen, das ist die emotionale Schwarmintelligenz.

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spannend
Na, das geht ja noch gerademal so durch, nur vier Mal "spannend" hier:
- Ein spannendes Thema also.
- und damals fand ich das wirklich spannend,
- Ich finde es nur viel zu spannend,
- finde ich Dein Blogthema ziemlich spannend,

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@jeeves:
Huch, eine Häufung! Das ist mir jetzt fast peinlich.

Jetzt frag ich mich: Geht das schon länger so?

Die bloginterne Suchfunktion meldet:Die Suche nach 'spannend' hat 109 Resultate geliefert. Hm. Auf 866 Blogbeiträge (samt Diskussionen) in fünf Jahren bezogen ist es glaube ich grad noch so im Rahmen.

Aber danke für den Hinweis, ich werde verschärft nach Synonymen suchen.

Das Blöde ist, ich find das Thema und die Debatte tatsächlich spannend...

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@ noergler: Hihi, genau. Damals funktionierte das sogar ganz ohne Twitter.

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Seemannsgarn
Danke für diese erste überfällige Kritik. Bei mir (http://luc.blogger.de/stories/1585228/) habe ich auch was zum Thema verfasst, ist fies, aber es musste raus.

Besonders fertig macht mich diese angestrengte Schwurbelsprache. Herr Seemann, bitte bringen Sie Ihre Ideen, auch wenn ich sie falsch finde, wenigstens auf den Punkt!

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@lukeman:
Danke für den zusätzlichen Input. Sie dürfen Ihren Link gern auch "aktiv" setzen, schließlich stehht uns hier keine Trackback-Funktion zur Verfügung. Von daher finde ich Eigenverlinkung auch nicht per se kritikwürdig.

Interessant auch, dass mindestens vier oder fünf Leute in diesem Thread hier von Schwurbel, Geschwurbel oder Schwurbelsprache in dem FAZ-Blogbeitrag sprachen. Herr Jeeves, übernehmen Sie. ;-)

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Seemann, laß das Träumen
http://www.youtube.com/watch?v=LFSDdSoLUR4

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"Keine Namenswitze!"
Das war die Maxime in einer Redaktion, ich der ich vor Jahren teilzeit-textcheffte (starkes Verb!). Eines Produktionstages - genauer gesagt nachts um halb drei - blickte ich im Redaktionssystem fassungslos auf die Seite mit den Personalien, da wurde der Arbeitsplatzwechsel einer Dame namens Petra (oder wars Pia) Petersilie vermeldet, und der Name war in fett grün gesetzt. Ich sagte zum Chefredakteur, das könne man doch nicht machen. Darauf er: "Doch, doch, wenns Ärger gibt, schieben wirs einfach auf den bekifften Graphiker."

Aber wie ich sehe, hat sich Seemann zur Namensfrage und Identität grad auch selber zu Wort gemeldet.

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Ich habe mspro gerade nicht in angenehmer Erinnerung. Vielmehr haben mich seine Polemiken öfter verblüfft (sofern sie völlig unnötige Angriffe enthielten), es aber aufgegeben, über Antworten nachzudenken, weil er eine so wachsweiche "postmoderne" argumentative Rundumabsicherung seiner eigenen Thesen anwendet. Keine Wahrheit, kein Individuum, keine Identität - oder irgendwie doch.

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@dings:
Das mit Angriffen/Polemiken kann ich aus meinem eigenen begrenzten Blickwinkel nicht bestätigen. Aber freilich haben mir ein paar Vöglein zugezwitschert, dass andere da z.T. sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.

Gleichwohl stelle ich mir schon auch selber die Frage, ob es richtig und angemessen war, die Auseinandersetzung mit seinem Beitrag hier bei mir (mit dem Heimvorteil der Dunkelkammer im Rücken) und in dieser Schärfe zu suchen. Es ist auch nicht so, dass die sehr breite Zustimmung zu meinem Beitrag mir alle diesbezüglichen Restzweifel nimmt.

Dieses Postmodernitatsproblem, das Sie diagnostizieren, sehe ich schon auch. Wobei ich das zugrundeliegende Misstrauen gegen eindimensional-plakative "So-isses-und-nicht-anders"-Denkmuster gar nicht mal per se unsympathisch finde. Aber wenn natürlich alles irgendwie auf Pudding rausläuft, den man nicht an die Wand nageln kann, dann hat eine ambitionierte Auseinandersetzung damit freilich keinen großen sittlichen Nährwert.

Ich trau mich fast nicht zu sagen, dass ich sein Blogprojekt nach wie vor "spannend" finde.

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wahrscheinlich haben sie ihm auf diese weise mehr aufmerksamkeit beschert, als er bei sich hätte generieren können.
ich schreibe oben von "glauben", andere von "esoterik". neben der postmodernen beliebigkeitskomponente scheint mir dieses eschatologische erweckungserlebnis als phänomen bisher zu kurz gekommen. an diese quasireligiöse "erfahrung" werden wir uns wohl gewöhnen müssen. (ernst nehmen muss ich sie deshalb noch nicht.)
es ist halt - im (dis;-)positivsten fall - das äquivalent zu gefühlter temperatur.

(sie können das durchstreichen so viel sie wollen: es wird doch mitgezählt!
spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend spannend;-)

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Naja,
mit "digitales Damaskus-Erlebnis" spielte ich (zumindest für Kenner der Apostelgeschichte klar erkennbar) auf die proto-religösen Konnotationen dieser Erweckungs-Geschichte an. Aber dass das Netz als Projektionsfläche sowohl für allerlei Erlösungshoffnungen als auch für diverse apokalyptische Vorstellungen herhalten muss, hat Enzensberger auch schon vor rund zehn Jahren festgestellt.

Mit aufmerksamkeitsökonomischen Aufrechnungen wäre ich extrem vorsichtig, im Zweifelsfall dürfte meine kleine off-broadway-Veranstaltung wesentlich mehr zusätzliche Awareness bekommen haben für die Auseinandersetzung mit diesem Thema als die reichweitenstarke Mainstremmedien-Plattform faz.net. Allein der Link von Don Alphonsos Rebellmarkt hat hier unglaubliche Besuchermassen durchgeschleust, dann gabs noch Traffic von der Blogbar, Andrea Diener und Hal Fabers Wochenschau bei heise. Also selbst wenn ich konzediere, dass ich dem FAZ-Blogbeitrag hier in der Nachbarschaft ein paar zusätzliche "eyeballs" verschafft habe, wedelt immer noch der Hund mit dem Schwanz und nicht umgekehrt.

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ich meinte auch nicht unbedingt hier.
hier ist ja avantgarde, sind kluge leute und so;-)

in warren ellis' großartiger transmetropolitan-reihe gibt es neben allerlei body-&brain-modding und leuten, die sich aus religiöser solidarität in "aliens" umoperieren lassen (so wie sie sich welche vorstellen) lebewesen, die aus nicht fassbarer materie bestehen. eine gasförmige lebensform aus heißer luft, in die man als mensch auch überwechseln kann. allerdings nur einmal.

das ist auch von '99. und ich musste jetzt schon mehrfach dran denken, komisch.

(was versteh ich schon von klickpolitik?)

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ha!
und ich schreib oben noch vom "äquivalent zu gefühlter temperatur"...

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Nun,
"über Gefühle reden können" ist ja etwas, das Männer heutzutage drauf haben müssen, nachgerade eine Schlüsselqualifikation. Somit schreibt unser gefühlter Kontrollverlierer (kann man das so sagen?) schon irgendwie auf der Höhe der Zeit, finde ich.

Erinnert uns der Autor nicht auch ein wenig an Parzival, der reinen Herzens (und ohne Plan) zu einer aventiure ins Sagenreich Digitalien aufbricht, aber zunächst mal quer durch das binäre Böhmen und Mähren irrt? Wer wollte es ihm verargen, dass sein Reisebericht keine Empirie im Sinne eines CIA-Factbooks liefert, sondern eben mehr gefühltes und tief empfundenes?

Das klingt jetzt vielleicht spöttischer, als ich es meine. Aber hey, es ist nur ein Blog, keine Ringvorlesung oder akademische Festschrift.

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"männer können seine gefühle nicht zeigen ins internet schreiben" wäre wohl damit tatsächlich vom tisch.

(ringvorlesungen können sehr unterhaltsam sein...)

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Ist es eigentlich schlimm, wenn mich dieser ganze Bohei überhaupt nicht interessiert? (Ich frage nur, damit ich einschätzen kann, ob ich "out", "total out", "von gestern" oder gar "so langweilig 2.0" bin.)

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Weder noch.
Wollte ich sie Sie wegen dieses völlig verständlichen Desinteresses beleidigen, dann am ehesten so: "Du bist ja voll un-meta, du Nachmieter!"

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"Un-Meta", das klingt gut. "Urst abgebuzzt" quasi. (Ich mach gleich den Gravenreuth ...)

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"sie können alles zu mir sagen, aber nicht nachmieter!"

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Wo wir gerade dabei sind:
Bei den Kindergarteneltern kam dieser Tage die Diskussion auf, wie der Sprachakt "geh sterben" einzuordnen ist: Darf man das mehr so als nett gemeinte Kumpelei einordnen oder muss man das eher dem Wortsinne nach verstehen?

Davon abgesehen empfände ich "Nachmieter" nicht so schlimm beleidigend wie Ebay-Powerseller "un-meta". Das ist richtig derbe.

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"Top-ebayer! Alles Bestens, gerne wieder!"

ja, "un-meta" ist schon ne ansage! da fühlte ich mich auch krass gedisst;-)

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Heise: „Der Mikroblogging-Dienst Twitter verzeichnete vor Kurzem ein Aufkommen von 50 Millionen täglicher Kurzbotschaften, sogenannte Tweets (von englisch to tweet, zwitschern). Das seien im Durchschnitt 600 Tweets pro Sekunde, geht aus einem Blog-Eintrag hervor.

2007 seien noch rund 5000 Tweets am Tag abgesetzt worden, im Jahr 2008 rund 300.000 und Anfang 2009 2,5 Millionen. Im Verlauf des vergangenen Jahres sei die Tweet-Menge um 1400 Prozent auf 35 Millionen pro Tag angestiegen. Bei der Zählung seien Botschaften von Accounts, die als Spam identifiziert wurden, nicht berücksichtigt worden.“


Kein Kommentar.

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"Jeder will senden,
keiner hört zu", hatte Peter Sloterdijk schon vor dem ganzen Social-Media-Hype kritisiert. So kulturpessimistisch würde ich es gar nicht mal sehen, aber in der Tendenz hat unser philosophischer Dampfplauderer natürlich nicht unrecht.

Ansonsten finde ich diese Zahlen irgendwie - nichtssagend.

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"genau! jetzt sei doch mal still, wenn du mit mir redest!"

(aus sloterdijks mund ist das tatsächlich nicht ohne witz)

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Zumindest
die freie Rede spreche ich ihm ab. Die konnte er nie, und sie wird ihm auch nie gelingen. Und auch abgelesen finde ich das nicht witzig.

Ja, ich weiß schon, das habe ich mir jetzt wieder so hingebastelt.

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naja, ausreichend sendungsbewusstein hat er doch wohl - zumindest genügend ausstoß damit ich hier über ambivalenz grinsen kann.
ein emissionar vor dem herrn.
gleich dem e-missionar im ursprungsbeitrag.

ist blogger.de nicht eine große heimwerkerstunde?

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@vert: Nee,
eher Selbsthilfegruppe mit Stuhlkreis. Ein paar Mitglieder haben unserer damaligen Runde den Rücken gekehrt und sind verschollen, manche unter neuer Identität wieder aufgetaucht, viele neue Mitglieder sind dazugekommen. Vielleicht solltzen wir die FAQs um ein 12-Schritte-Programm ergänzen. ;-)

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stuhlkreis, verstehe...
vielleicht sind die ausgeschiedenen ja auch geheilt - und was genau machen sie eigentlich noch hier? ;-)

#faq: da steht sowieso viel zu wenig drin.
jedesmal wenn ich das irgendwem erzähle, glaubt mir das keiner.

(wir müssen überhaupt viel mehr ...filme gucken, scheint mir.)

oh, ich muss los, bevor die videothekenläden zumachen

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Was ich hier noch mache?
Gute Frage. Ein freiwilliges soziales Jahrzehnt oder so was.

Pst, eigentlich ist das hier ja ein Versuchsprojekt einer Gruppe von Psychologiestudenten...

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bleiben sie mal ruhig noch ein bisschen hier, einer muss ja den überblick behalten und gelegentlich die stuhlkissen ausklopfen.

das erklärt natürlich einiges, ist aber auch enttäuschend.
wer hätte nicht wenigstens auf mäusehyper-intelligente, pan-dimensionale wesen gehofft, die hier sind um unsere gehirne zu sezieren...?
psychostudis geben da schon weniger fame.

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Lapsus linguae - Die Sei(h)e selbst?
"(Über die schwierige Frage der Identität werde ich mich ein andermal tiefer auslassen.) ... alles, was wir selbst zu seien glaubten"

Seie, mtldt. für Seihe: Sieb;
seihen: gegossene Flüssigkt. filtern

Freud'sche Fehlleistung?

mal in der FAZ nachsehen, ob es sich schon (& wie tief) ausgelassen hat...

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Als Nachtrag vielleicht noch dieser Beitrag.
Der Verbindung beraubt, klappert das Exoskelett leise im Wind. Todtraurig. Ich kann sie zwar nicht verstehen, werde sie aber weiter verfolgen, diese Notizen aus einem anderen Universum.

Meine Follower waren schon überall auf der Welt und haben schon jede Erfahrung gemacht. Ach je.

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@monnemer:
Danke für diesen Einblick in ein fremdes Paralleluniversum. Ich bin kein Trekkie, fühle mich aber massiv an eine Folge aus "The next Generation" erinnert. Da hat die Enterprise-Crew einen Borg gefangen und seine permanente Datenverbindung mit dem Kollektiv geblockt. Und davon kriegt der Borg ziemlich massive Phantomschmerzen in seinem mentalen Exoskelett. Erst wimmert er ständig nach dem Kollektiv, dessen Stimmen ihm fehlen, aber mit der Zeit entwickelt er doch ein rudimentäres Gefühl dafür, was es auch im positiven bedeuten könnte, ein Individuum zu sein.

Vielleicht kommt dieser Punkt bei Michael Seemann in New York vielleicht auch noch, aber drauf wetten würde ich nicht.

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