Dienstag, 17. Juli 2007
Nicht vom Beckenrand springen!
Was dem Marcel Proust sein Madeleine-Keks, das ist mir die speziellle Geruchsmischung von Chlorwasser, Kinderpipi und Pommesfett. Das Grundstück meines Elternhauses grenzt an die Liegewiese eines Freibads. Dementsprechend war diese Einrichtung in den Sommermonaten fast so etwas wie ein zweites Kinderzimmer für uns.

Aber wie das weitere Leben so spielt: Man entwickelt andere Interessen, man wird irgendwann gewahr, dass formvollendet gesprungene Arschbomen die Mädels weniger beeindrucken als der Krach, den man mit einem coolen Moped oder einer Stromgitarre erzeugen kann. Oder mit frei assoziierten neoimpressionistischen Versen, die man schuleschwänzenderweise in einem übel beleumundeten Café zusammenschraubt. Zu Studizeiten wurde die kommunale Chlorbrühe auch eher weiträumig gemieden, sommerlicher Badebetrieb fand wenn überhaupt dann eher an diversen Rhein-Nebenarmen und Baggerseen in der Umgebung statt.

Und so musste erst der eigene Nachwuchs kommen (und nicht zu vergessen die Kindergartenferien), um mich dazu zu bringen, nach Jahrzehnten mal wieder den Fuß in so ein städtisches Freibad zu setzen. Und tja, was soll ich sagen? Allenfalls mit einer richtigen Zeitmaschine wäre der Flashback-Effekt noch zu toppen gewesen. Ich musste mich ordentlich zusammennehmen, um nicht vom seitlichen Beckenrand zu springen und ähnlichen Quatsch zu veranstalten. Aber dafür hat man ja ein kleines Kind dabei, dem man ein Vorbild an Wohlverhalten zu liefern hat. Und bei dem man aufpassen muss, dass es sich an dem rauhen Untergrund des Plantschbeckens nicht die Knie aufschürft.

Überhaupt scheint dieses Bad auch mal bessere Zeiten gesehen zu haben. Der blassbunte Plastikpilz, über den im Kinderbecken frisches Wasser nachplätschert, war designmäßig vielleicht state of the art, als ich altersmäßig noch in die Zielgruppe gepasst hätte. Die Bodenplatten am Beckenrand sind zum Teil brüchig, allenthalben liefern sich Rost und Farbe den ewigen Zweikampf um jeden Zentimeter Metalloberfläche.

Genau so kenne ich das übrigens auch schon vom Schmimmbad meiner Kindheit. Das mochte in den späten 50ern seine Glanzzeit erlebt haben, aber als wir dort Frei- und Fahrtenschwimmerabzeichen erstrampelten, war die Herrlichkeit schon abgebröckelt. Vielleicht bin ich ja einfach nie zur rechten Zeit am rechten Ort, um mal ein städtisches Freibad auf dem Zenit seines Freizeitwertes zu erleben.

Aber was solls. Gerade die Spuren des Verfalls tragen zum Charme eines Freibads ja nicht unerheblich bei, wenn es eine sentimental journey in die eigene Kindheit werden soll. Wer weiß, vielleicht komme ich ja dazu, wenn meine Mutter im Spätsommer ihren runden Geburtstag feiert. Dann schnappe ich mir die Kleine und zeige ihr das Schwimmbad, in dem ihr Papi dereinst das nasse Element lieben lernte. Die große Rutsche im Nichschwimmerbecken soll noch da sein. Hach...

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Mittwoch, 11. Juli 2007
Pädagogisches, allzu Pädagogisches
Den Ausdruck Trotzphase benutzt anscheinend kaum noch jemand. Heutzutage heißt es ja eher: Sie entdeckt jetzt ihre Persönlichkeit. Da schau her. Das hätten wir uns damals nicht getraut. Unsere Persönlichkeit zu entdecken. Jawoll. Und wer es doch probierte, erwarb sich bei Erziehungsberechtigten und Betreuungspersonen schnell den zweifelhaften Ruf, "bockig", "renitent" oder zumindest "schwierig" zu sein.

Schwamm drüber, so ändern sich halt die Zeiten. Und sollen es die Kurzen nicht mal besser haben als wir? Ja, schon. Sollte ich mir aber vor lauter kindlicher Persönlichkeitsentwicklung einmal nicht mehr anders zu helfen wissen als die Kleine ohne Abendessen ins Bett zu schicken und darob Vorhaltungen pädagogisch wohlmeinender Zeitgenossen zu hören bekommen, dann werde ich keck entgegnen: "Nein, natürlich ist das keine Strafe - sondern eine Herausforderung, die ihre Frustrationstoleranz stärkt." Oder wahlweise auch: "Das gibt ihr Gelegenheit, die innere Mitte wieder mehr in sich selber zu finden."

Gut, natürlich habe ich begründete Hoffnung, dass es auch anders geht, ohne eine Supernanny hinzuzuziehen oder in die Mottenkiste der verstaubten Zuckerbrot-und-Peitsche-Methodik zu greifen. Und dabei macht man halt so seine Erfahrungen. Das hier beispielsweise hatten wir neulich auch schon mal. Es blieb bislang ein einmaliger Ausreißer, aber wir sind gewarnt.

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Samstag, 7. Juli 2007
Der Doktor und das liebe Vieh

Dass mein Hochleistungs-Rechner nicht mit einer Maus arbeitet, sondern mit einer skandinavischen Wanderratte, hatte ich wohl schon einmal erwähnt. Aber allmählich ist auch dieser leistungsstarke und robuste Nager an seine Grenzen gestoßen. Den Zeiger bewegte das Tierchen nach wie vor ganz flott über den Bildschirm. Allein beim sogenannten "scrollen" quälte sich das Vieh, dass Gott erbarm. Und so entschloss ich mich heute schweren Herzens zu einer Not-Operation. Als erstes nahm ich den Deckel ab und entfernte diverse Ansammlungen von Gewölle (die ich aus reiner Rücksichtnahme auf zartere Gemüter unter den Lesern nicht bildlich dokumentiert habe). Ich tupfte die Röllchen mit einem Wattestäbchen ab und nahm mir dann das Rädchen vor, hinter dem ich die Ursache des lahmenden Scroll-Betriebs vermutete. Hier galt es zunächst verschiedene Ablagerungen unbestimmter Zusammensetzung mittels eines Spatels sorgsam abzutragen, bevor ich mich dann mit einer Pinzette dem heiklen Feder-Mechanismus näherte, der für das Intervall-Klack-Klack verantwortlich ist. Wie ich diesen Mechanismus dann letztendlich ausgehebelt habe, weiß ich gar nicht so genau. Aber dieses Klack-Klack-Intervall ist jetzt weg, ich kann jetzt ohne den geringsten Widerstand stufenlos scrollen. Kurzum: Die Ratte geht jetzt ab wie Schmidts Katze. Vielleicht sollte ich mir diesen Eingriff patentieren lassen und auf PC-Nagerdoktor umsatteln.

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